Wiener Geflecht selber machen – Schritt für Schritt
Die kurze Antwort
Beim Wiener Geflecht von Hand flichtst du Stränge aus Flechtrohr durch eine Reihe von Löchern rund um den Sitz. Der Sitz entsteht in sieben Arbeitsgängen: drei Lagen, die kreuzweise übereinanderliegen, eine vierte Lage, die du im Wechsel drüber und drunter flichtst, zwei Diagonalen und ein Randabschluss, der die Löcher schließt.
Du brauchst Flechtrohr in den beiden Breiten des alten Sitzes, etwas Peddigrohr für Pflöcke und Randabschluss, eine Ahle, eine Schere, Schleifpapier, Holzleim und warmes Wasser. Die glatte Seite des Rohrs zeigt immer nach oben. Zieh nicht zu fest, und führ nie mehr als zwei Diagonalen durch ein Loch.
- Niveau
- Anspruchsvoll, aber lernbar
- Flechtrohr
- Zwei Breiten, z. B. 2 + 2,5 mm
- Arbeitsgänge
- 7: Lagen, Zickzack, Diagonalen, Rand
- In unserem Kurs
- 22 Videolektionen
Zuerst: Handgeflecht oder Geflechtmatte?
Sieh dir den Rahmen rund um den Sitz an. Ist rundherum eine Reihe kleiner Löcher gebohrt, ist der Stuhl für Wiener Geflecht von Hand gemacht, und du bist hier richtig. Hat er stattdessen eine Nut und keine Löcher, gehört eine Geflechtmatte hinein: fertiges Geflecht, das in die Nut gedrückt und mit einem Keil fixiert wird. Das ist eine andere Arbeit, und die zeigen wir in unserem Kurs zur Geflechtmatte.
Du bist dir beim Rest des Stuhls nicht sicher? Unsere Übersicht über die fünf Arten von Flechtsitzen zeigt dir, wie du sie auseinanderhältst.
Was du brauchst
Miss das alte Flechtrohr, bevor du kaufst. Die meisten Sitze haben zwei Breiten: eine schmalere für die Lagen und eine etwas breitere für die Diagonalen.
Material
- Flechtrohr in zwei Breiten die glänzende Außenschicht des Rattans, im Bund erhältlich (meist 250 g). Nimm dieselben Breiten wie im alten Sitz: Bei Maries Thonet-Stuhl sind es 2 mm für die Lagen und 2,5 mm für die Diagonalen.
- Peddigrohr der Kern des Rattans, für die Pflöcke und für die Stopfen im Randabschluss.
- Holzleim ein winziger Tropfen in jedes Loch, wenn du den Rand abschließt.
- Warmes Wasser und ein Glas Wasser neben dem Stuhl, um die Fingerspitzen anzufeuchten.
Werkzeug
- Pflöcke aus Peddigrohr geschnitten. Golf-Tees oder kleine Stäbchen gehen auch.
- Eine Ahle oder spitze Nadel um Stränge anzuheben und deinen Weg durchs Geflecht zu finden.
- Eine Schere
- Ein dünner Schlitzschraubendreher um ein volles Loch zu öffnen.
- Ein Dorn oder etwas Flaches, etwa ein abgebrochener Bohrer, um die Stopfen einzuklopfen.
- Schleifpapier und eine Bohrmaschine um die alten Löcher freizumachen und die Kante zu glätten.
- Maßband oder Messschieber um das alte Flechtrohr zu messen.
- Eine Decke oder Matte auf dem Boden damit der Stuhl beim Drehen keine Kratzer bekommt.
Wiener Geflecht in neun Schritten
So geht Marie im Kurs vor. Bei jedem Schritt steht, in welchen Lektionen du ihn aus der Nähe sehen kannst.
Schritt 1: Den Rahmen vorbereiten
Entferne den alten Sitz: Manchmal lässt er sich abziehen, sonst bohrst du das alte Rohr aus jedem Loch heraus, mit einem Bohrer, der etwas kleiner ist als das Loch. Bohr nicht in ein Bein darunter.
Schleif dann die Innenkante des Sitzrahmens. Alte Stühle haben dort oft eine scharfe Kante, die ins neue Rohr schneidet, und genau da reißen viele Sitze. Wenn der Sitz erst geflochten ist, kommst du nicht mehr dran.
Im Kurs: Lektion 2

Schritt 2: Nur einweichen, was du bald verflichtst
Nimm ein paar Stränge Flechtrohr und halte sie unter den heißen Wasserhahn, bis sie geschmeidig sind. Mach nur so viel nass, wie du in etwa einer Viertelstunde verflechten kannst: Nasses Rohr, das du nicht bald verwendest, trocknet einfach wieder aus. Stell dir ein Glas Wasser in Reichweite, damit du beim Flechten die Fingerspitzen anfeuchten kannst.
Im Kurs: Lektionen 3, 6 und 11

Schritt 3: Die Mitte finden und den ersten Strang fixieren
Zähl die Löcher vorne und hinten, um die Mitte zu finden. Bei manchen Stühlen liegt die Mitte zwischen zwei Löchern, also verlass dich auch auf dein Auge: Der erste Strang soll gerade aussehen.
Steck das Ende von oben durch das mittlere Loch und fixier es mit einem Pflock. Führ den Strang hinüber, von oben durch das gegenüberliegende Loch und durch das nächste wieder hoch. Die glatte Seite bleibt immer oben, und halt den Daumen unter den Strang, wo er durchs Loch kommt, sonst bricht er leicht. Mehr Spannung braucht er nicht.
Im Kurs: Lektion 3

Schritt 4: Lage 1: den Sitz in einer Richtung füllen
Arbeite von der Mitte aus zu einer Seite, dann zur anderen. Bei einem runden Sitz soll der Abstand zwischen den Strängen gleich bleiben, deshalb lässt du manchmal ein Loch aus. Ist ein Loch versperrt, zum Beispiel durch eine Schraube, steck den Strang so weit hinein, wie es geht, und fixier ihn mit einem Pflock, oder lass das Loch aus. Auf deinem Foto vom alten Sitz siehst du, welche Löcher benutzt wurden.
Lose Enden sind erst mal kein Problem. Sie werden gesichert, wenn du den Rand abschließt.
Eckiger Sitz? Dann ergeben sich die Abstände von selbst.
Im Kurs: Lektionen 3–4

Schritt 5: Lage 2: quer darüber
Leg die zweite Lage quer über die erste, obendrauf, und zwar genauso: Mitte durch Zählen finden, Strang fixieren, Abstände gleichmäßig halten. In der Rundung nimmst du lieber das Loch, bei dem der Abstand stimmt, als einen zu großen Sprung.
Im Kurs: Lektionen 5–6

Schritt 6: Lage 3: noch einmal wie die erste
Die dritte Lage kommt ganz obendrauf, in dieselben Löcher wie Lage 1. Folg einfach der ersten Lage. Ein Strang mit einem Riss fliegt raus: Den willst du nicht im Geflecht haben.
Wenn du auf dem Boden arbeitest, kannst du den Stuhl kippen und kommst von unten an die Löcher. Manche flechten lieber am Tisch. Mach es so, wie es für dich passt.
Im Kurs: Lektionen 7–8

Schritt 7: Zickzack: die vierte Lage flechten
Jetzt beginnt das eigentliche Flechten. Der vierte Strang läuft in denselben Löchern wie Lage 2 und geht immer über den oberen und unter den unteren Strang jedes Paars: einmal drüber, einmal drunter, quer über den ganzen Sitz, und auf dem Rückweg fängt die Reihe mit drunter an. Das ist eine ganz normale Leinwandbindung. In Maries Familie heißt sie „Zickzack“.
Deine Finger sind das schnellste Werkzeug. Nimm die Ahle nur, wo es eng wird, meist in der ersten und letzten Reihe. Feuchte die Fingerspitzen an, damit das Rohr gleitet, und lass einen langen Strang einen lockeren Bogen machen, statt die ganze Länge auf einmal durchzuziehen.
Wenn die Lage fertig ist, richte die Reihen gerade und schieb die Stränge paarweise zusammen. Das macht die Diagonalen viel leichter.
Über den oberen Strang, unter den unteren. Vertauschst du das, stimmt das Muster nicht mehr.
Im Kurs: Lektionen 9–14

Schritt 8: Das Muster: zwei Diagonalen
Die Diagonalen ergeben das offene, achteckige Muster. Nimm das breitere Flechtrohr und flicht schräg über den Sitz, über zwei und unter zwei: über das Paar in der einen Richtung, unter das Paar in der anderen.
Dabei gibt es eine richtige und eine falsche Richtung. Richtig herum rutscht die Diagonale in die Ecke jedes kleinen Quadrats. Falsch herum liegt sie quer über der Ecke und lässt sich wieder herausheben. Marie hat schon ganze Sitze gesehen, die falsch herum geflochten waren.
Beim ersten Sitz ist es am einfachsten, erst die eine Diagonale ganz zu flechten und dann die andere; das Muster wird so oder so gleich. Achte auf ein sauberes Kreuz, wo sich die Diagonalen treffen, auch wenn ein runder Sitz das nicht überall zulässt. Manche Diagonalen teilen sich ein Loch, aber führ nie mehr als zwei Diagonalen durch ein Loch. Kurze Lücken am Rand füllst du mit kurzen Stücken. Sobald sich die Diagonalen kreuzen, hält das Geflecht von selbst, und die Pflöcke können raus.
Im Kurs: Lektionen 15–18

Schritt 9: Rand, Leim und Abschluss
Schau dir an, wie der alte Sitz abgeschlossen war, und mach es genauso. Manche Stühle haben eine dekorative Umrandung. Sie hält nichts, also bring nur eine an, wenn dein Stuhl eine hatte. Feuchte die Enden rund um den Rand mit einer weichen Spülbürste an, damit sie bei der Arbeit nicht brechen, und sei vorsichtig mit Wasser auf dem Holz.
Gib einen winzigen Tropfen Holzleim in jedes Loch und klopf einen Stopfen aus Peddigrohr hinein. Der Stopfen darf nicht zu stramm sitzen: Dann bricht er leicht und schadet mehr, als er nützt. Spalte also ein dickeres Stück passend, schneide es schräg an und klopf es mit dem Dorn hinein. Arbeite immer nur an einem Abschnitt des Randes, weil der Leim nicht sofort abbindet, und wisch sichtbaren Leim weg.
Dreh den Stuhl um und schneide die losen Enden unten dicht ab. Das neue Rohr ist heller als der alte Sitz. Mit der Zeit dunkelt es von selbst nach.
Im Kurs: Lektionen 19–21

Die Fehler, die wir am häufigsten sehen
Die raue Seite nach oben
Flechtrohr hat eine glatte, glänzende Seite und eine raue Rückseite. Die glatte Seite zeigt bei jedem Strang und in jeder Lage nach oben.
Zu fest ziehen
Flechtrohr bricht, wenn es scharf über das Loch geknickt wird. Halt einen Daumen unter den Strang, wo er durchkommt, und zieh nur, bis er anliegt, nicht bis er stramm ist.
Drüber und drunter im Zickzack vertauschen
Der geflochtene Strang geht immer über den oberen und unter den unteren Strang. Ist nur eine Reihe aus dem Takt, sieht das Muster falsch aus.
Diagonalen falsch herum
Liegt der Strang quer über der Ecke, statt hineinzurutschen, zieh ihn heraus und flicht ihn andersherum drüber und drunter.
Drei Diagonalen in einem Loch
Zwei Diagonalen pro Loch sind das Maximum. Eine dritte macht das Loch zu voll und sieht nicht gut aus.
Einen schlechten Strang verflechten
Flechtrohr ist ein Naturmaterial. Ein Strang, der reißt oder immer wieder bricht, weil er zu trocken ist, wird im Sitz nicht besser. Wirf ihn weg und nimm einen neuen.
Das ganze Bund einweichen
Mach nur so viel nass, wie du in etwa einer Viertelstunde verflechten kannst, und lass den Rest trocken.
Ein Blick in den Kurs

Lesen ist das eine, die Hände dabei zu sehen etwas ganz anderes. Im Kurs begleitest du Marie vom gerissenen Sitz bis zum fertigen Stuhl, aus der Nähe, mit jeder Lage, jedem kniffligen Loch und jeder Korrektur unterwegs.
Das steckt im Kurs
- Einführung (1)
- Vorbereitung (1)
- Lage 1 (2)
- Lage 2 (2)
- Lage 3 (2)
- Zickzack (6)
- Muster (4)
- Randabschluss und Finish (3)
- Material und Werkzeug (1)
Häufige Fragen
Welche Breite an Flechtrohr brauche ich?
Miss das alte Flechtrohr mit einem Maßband oder Messschieber. Die meisten Sitze haben zwei Breiten: eine schmalere für die Lagen und eine etwas breitere für die Diagonalen. Bei Maries Thonet-Stuhl waren es 2 mm und 2,5 mm. Nimm nichts Breiteres als das Original: Sonst bekommst du es kaum noch durchs Geflecht.
Was ist der Unterschied zwischen Flechtrohr und Peddigrohr?
Beides kommt vom Rattan. Flechtrohr ist die glänzende Außenschicht, in Stränge geschnitten zum Flechten. Peddigrohr ist der Kern, den wir für die Pflöcke und die Stopfen im Randabschluss verwenden.
Schaffe ich Wiener Geflecht auch als Anfänger?
Ja, mit Geduld. Wiener Geflecht von Hand ist der anspruchsvollste Sitz, den wir unterrichten. Wenn du die Wahl hast, ist ein Sitz aus [Papierkordel](course:papirgarn) oder [Seegras](course:soegraes) ein leichteres erstes Projekt. Der Kurs zum Wiener Geflecht fängt ganz von vorne an.
Soll ich das neue Flechtrohr beizen?
Das geht, aber Flechtrohr lässt sich schwer gleichmäßig beizen: Die Oberfläche ist glatt, und die kleinen Knoten nehmen die Farbe unterschiedlich an. Probier die Farbe zuerst auf einem Stück Papier aus. Lässt du das Rohr, wie es ist, dunkelt es langsam von selbst nach.
Wie pflege ich einen Sitz mit Wiener Geflecht?
Streich ein- bis zweimal im Jahr eine dünne Schicht Paraffinöl (Vaselinöl) auf die raue Unterseite. Mach den Sitz nicht nass: Das Rohr lebt nicht, und Wasser trocknet es mit der Zeit nur aus.
Sieh jeden Handgriff, in deinem Tempo
Wiener Geflecht lernt man leichter durchs Zuschauen als durchs Lesen. Begleite Marie durch 22 kurze Lektionen, halt an, wo du es brauchst, und behalte die Videos für immer.